Die Welt des Weins (Episode 12)

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Alter Olivenbaum in Italien 

 

Die alten Olivenbäume in Apulien, Italien 

HARRY STEPHAN

Oktober

Die Welt des Weins: Eine Fortsetzungsgeschichte.


Apulien: Das Leben hat sich verändert (Episode 12) 

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Xylella fastidiosa

Die ersten verdorrten Olivenbäume zeigten sich 2013 in der Nähe von Gallipoli. Zuerst wurden die Blätter brüchig und braun, dann begannen ganze Haine abzusterben. Auf der dringenden Suche nach der Ursache nahmen Wissenschaftler Apuliens Proben der Bäume. Nach der Rückkehr von einer Tagung in Kalifornien stellte ein Agrarwissenschaftler schließlich die Verbindung zu dem Pflanzenbakterium Xylella fastidiosa her. Und tatsächlich wurde das Bakterium bei der Untersuchung der Olivenbäume gefunden.

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Infizierter Olivenhain

Xylella bewirkt, dass Pflanzen im Inneren verdursten. Das Bakterium wird von winzigen Schädlingen, den so genannten Schaumzikaden, von Baum zu Baum weitergetragen. Sie sitzen an den strohhalmartigen Röhren – den Xylem – ihrer Wirte, die das Wasser von den Wurzeln hoch zu den Blättern transportieren. Die Schaumzikaden saugen Flüssigkeit aus einem infizierten Baum und tragen die Bakterien anschließend zum nächsten Baum, von dem sie sich ernähren. Sie sind in der Region heimisch und galten vor Xylella eigentlich nicht als Problem. Gelangen die Bakterien einmal in den Baum, breiten sie sich langsam aus, besiedeln die Xylem-Röhren und verdicken sich zu einer Art Biofilm. Die Bäume sterben ab oder vegetieren weiter vor sich in, zu schwach, um Früchte zu tragen. Eine Heilmethode ist nicht bekannt. Sobald die Bakterien in einen Olivenbaum eingedrungen sind, bleibt dieser infiziert, bis er abstirbt. 

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Infizierter Olivenbaum

Es ist wichtig, die zentrale Bedeutung des Olivenöls für die Identität Apuliens seit seiner Einführung im 8. Jahrhundert v. Chr. zu verstehen. Hier ein paar Fakten, um die Ausdehnung der Olivenhaine Apuliens im Kontext sehen: Bis vor kurzem war Apulien mit etwas mehr als 370 000 Hektar Anbaufläche die größte Olivenölproduktionsregion in Italien. Pro Jahr wurden mit etwa 60 Millionen Bäumen 250 000 bis 300 000 Tonnen Olivenöl produziert. Das sind 40 Prozent der gesamten italienischen Olivenölproduktion. Auch die fast 500 000 geliebten ulivi secolari – jahrhundertealte Bäume, deren knorrige Stämme als Wahrzeichen der Landschaft Apuliens erhalten geblieben sind – sollten dazugerechnet werden. 

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Nahaufnahme eines infizierten Olivenbaums

Nachdem das Bakterium entdeckt war, stürzten sich die Biologen des italienischen Nationalen Forschungsrats (CNR) auf das Problem: Sie kartographierten das betroffene Gebiet, sie erfuhren, wie sich die Krankheit ausbreitet und welche anderen Pflanzen als Wirt dienen könnten, und sie entwickelten Möglichkeiten, die Bäume auf das Bakterium zu testen. So konnten die Bauern herausfinden, ob ihre Bäume infiziert sind oder nicht. 

Im Jahr 2014 forderte eine Kommission der Europäischen Union Italien auf, mit geeigneten Maßnahmen in abgegrenzten Gebieten alle infizierten oder mutmaßlich infizierten Pflanzen zu vernichten. Diese abgegrenzten Gebiete sollten laut Kommission nicht nur die infizierte Zone, sondern auch eine Pufferzone einschließen. 

In der Praxis bedeutete dies, dass die Bauern ihre wertvollen Olivenbäume roden und verbrennen mussten, einschließlich aller nahe gelegenen Bäume, bei denen der Befall noch nicht erkennbar war. Die Bauern rebellierten. Sie zweifelten an den Bakterien als tatsächliche Ursache für das Absterben ihrer Bäume oder behaupteten, das Problem mit traditionellen Bewirtschaftungspraktiken beheben zu können. Die Debatte setzte sich fort, als italienische Beamte die Bauern anwiesen, die Schaumzikaden mithilfe von Pestiziden zu bekämpfen. Das verärgerte diejenigen Bauern, die stolz darauf waren, ihre Oliven biologisch anzubauen. 

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Strand von Torre San Giovanni Ugento

Während die Debatte zwischen Bauern, Wissenschaftlern und Beamten tobte, verbreitete sich das Bakterium weiter. Im Jahr 2013 waren knapp 80 Quadratkilometer innerhalb der Region infiziert. Eine kürzlich durchgeführte Untersuchung hat nun ergeben, dass sich das Bakterium auf fast 800 Quadratkilometer bzw. fast 40 Prozent der bepflanzten Fläche ausgebreitet hat. Von den 60 Millionen Olivenbäumen in Apulien sind heute etwa 11 Millionen infiziert. Im Salento ist Xylella fastidiosa inzwischen so stark verbreitet, dass eine Ausrottung dort unwahrscheinlich ist. Die Bemühungen zur Eindämmung folgen nun endlich den EU-Richtlinien und konzentrieren sich auf eine Pufferzone am Nordrand von Lecce – ein etwa 30 Kilometer breiter Landstrich, der sich von Küste zu Küste erstreckt. Hunderte von Bauern überwachen nun die Olivenhaine in dieser Zone und kontrollieren hunderttausende von Bäumen auf Anzeichen einer Infektion. Südlich der Pufferzone werden die Bäume einfach dem Absterben überlassen. 

 

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Untergrund in Racale

Ugento, südlich von Gallipoli, liegt am Golf von Tarent. Eine Welt mit weißen Stränden, azurblauem Meer und strahlendem Sonnenschein. Wie in jedem Dorf in Süditalien ist im Sommer die Hitze allgegenwärtig. Bevor es Klimaanlagen gab, schützten sich die Bewohner vor der Hitze, indem sie sich unter der Erde aufhielten. Sie bauten unterirdische Olivenpressen (frantoi ipogei) unter Häusern, Geschäften und sogar unter Plätzen. Die Vorteile waren beträchtlich. Für die Bewohner war es die perfekte Lösung, unter dem eigenen Haus einen kühlen Ort zur Herstellung und Lagerung von Olivenöl zu haben. Ausnahmen von dieser Regel waren hauptsächlich die wohlhabenden Landbesitzer, die zum besseren Schutz ihrer landwirtschaftlichen Arbeit befestigte masserie bauten. 

Viele der masserie im Salento wurden inzwischen zu Hotels umgebaut und sind heute bedeutende Touristenattraktionen. Die kleineren unterirdischen Versionen, die aus goldfarbenem Kalkstein gebaut wurden, sind immer noch im Überfluss vorhanden. Im nahegelegenen Racale gibt es ein wunderbares Exemplar, das gleichzeitig ein Restaurant ist – das L'Acchiatura. Beim Betreten der unterirdischen Gewölberäume erinnert man sich sogleich an die Sassi in Matera. 

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Zu den Antipasti wurde im L'Acchiatura ein bewundernswerter Rosé namens „Five Roses“ serviert. Der Wein ist deshalb interessant, weil er von der Weinkellerei Leone de Castris, der ältesten Weinkellerei Apuliens, hergestellt wird. Uns wurde die besondere Jubiläumsausgabe  anlässlich von 75 Jahren der Produktion dieses Weins angeboten.

 

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Piazza

Das Weingut in Salice Salentino wurde 1965 vom spanischen Herzog Oronzo, Graf von Lemos, gegründet. Die Produktion von Five Roses begann während des Zweiten Weltkriegs, nachdem Piero de Castris seinen Wein bei US-Oberstleutnant Charles Poletti beworben hatte. Poletti war den Italienern bereits bekannt. Er war nicht nur Sohn italienischer Einwanderer, sondern war in den letzten Wochen des Jahres 1942 auch Gouverneur von New York. Nach der Invasion der Alliierten betreute Poletti die Wiederherstellung von Wasserversorgung, Transport und Stromversorgung in Süditalien und bemühte sich angesichts der weit verbreiteten Schwarzmarktgeschäfte auch um eine gerechte Versorgung der alliierten Streitkräfte mit Nahrungsmitteln. Five Roses war ein sofortiger Erfolg und ist immer noch der international bekannteste Wein dieses Weinguts. Der Name „Five Roses“ geht auf eine schöne Legende der Familie de Castris zurück: Offenbar hatte über mehrere Generationen hinweg jeder de Castris fünf Kinder. 

Five Roses wird aus 35 Jahre alten Negroamaro-Reben zusammen mit einem kleinen bisschen Malvasia Nera de Lecce hergestellt. Man lässt den Saft 10 bis 12 Stunden bei 10 Grad Celsius auf der Schale mazerieren, um die Farbe zu extrahieren. Anschließend wird der Wein unter kontrollierten Temperaturen in Stahltanks trocken vergoren. 

Five Roses ist gut gemacht. In der Nase verleiht er einen Hauch von Sommerfrüchten, insbesondere von roten Johannisbeeren und Preiselbeeren. Er ist ein frischer, körniger Wein mit einem ausgezeichneten Säuregleichgewicht.

Beim Verlassen des L'Acchiatura trafen wir auf drei Anwohner von Racale, die auf einer Bank auf der Piazza die Kühle des Abends genossen. La Signora Filomena, die seit mehr als 80 Jahren in Racale lebt, erzählte eindringlich vom berauschenden Duft des Olivenöls, der früher im Herbst aus der frantoi drang und das Dorf durchdrang. Das war einmal. 

 

 

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