Otranto, Italien
Otranto, ursprünglich die antike griechische Stadt Hydrus
HARRY STEPHAN
November
Die Welt des Weins: Eine Fortsetzungsgeschichte.
Apulien: Si sta una pace (Episode 13)

Hafen von Otranto
Otranto, ursprünglich die antike griechische Stadt Hydrus, liegt hinter mittelalterlichen Festungsmauern versteckt, mit Blick auf den Hafen. Die Stadt diente nicht nur als wichtige Schiffsanlegestelle für römische Kaiser, die die Adria überqueren wollten, sondern erlebte im Mittelalter auch fürchterliche Gefechte der Türken. Kampfgeist allein ist es aber nicht, was Otranto ausmacht. Die Stadt wird von einer beeindruckenden katholischen Kathedrale geschmückt – mit eklektischen Mosaikböden und einer Krypta für die Märtyrer von Otranto, die so tapfer die türkischen Kampftruppen in die Knie zwangen.

Kathedrale von Otranto
Die Verbindung nach Griechenland ist auch heute noch von Bedeutung und unter den dortigen Einwohnern wird vereinzelt noch Griko gesprochen.

Mosaikboden in der Kathedrale von Otranto
Allerdings sind Herkunft und Fortbestand dieser Sprache umstritten. Bei einem Besuch in Cutrofiano, einer kleinen Stadt im Landesinneren westlich von Otranto, die seit jeher mit exquisiter Keramik verbunden ist, wurden wir auf das Erbe aus Griko-Zeiten aufmerksam gemacht.
Töpfer in Cutrofiano
In Cutrofiano befindet sich die Weinkellerei Palamà, gegründet 1936 von Arcangelo Palamà. Die Familie bekennt sich zu ihren altgriechischen Wurzeln und dem Griko-Erbe. Arcangelo übergab die Weinkellerei an seinen Sohn Nini, der nun seinerseits Michele Platz macht, einem jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren, der gerade seine dritte Ernte keltert. Mit einer 80-jährigen Geschichte als Familienunternehmen verfügt Palamà über ein institutionelles Gedächtnis, was das Klima in der Region angeht. „Si sta una pace“ – Mir gefällt es hier – sagt Michele mit einem zufriedenen Lächeln, als er nach dem Leben im Salento gefragt wird. Und es besteht kein Zweifel, dass sich Michele Palamà in der Terra Rossa von Cutrofiano, wo er von seinen Weinbergen umgeben ist, tief verwurzelt fühlt.
Arcangelo Palamá
Zur Erinnerung: Unsere Reise in den Salento hatte ursprünglich den Zweck, eine Auffälligkeit im Klimaklassifizierungssystem von Tonietto aufzuklären. Dieses System gibt für die Nachttemperaturen im Salento im Monat vor der Ernte einen Wert von über 18 Grad Celsius an. Als wir in den Weinbergen von Michele Palamà ankamen, sahen wir zunächst flaches Land ohne wirklich ausgeprägten Charakter. Darüber hinaus sind die Weinberge auch mit Reben nach der Alberello- bzw. Vasen-Erziehungsform bepflanzt. Diese Form funktioniert im Wesentlichen so: Die Reben werden so hochgezogen, dass drei Stränge in einer spiralförmigen Struktur wachsen und innerhalb der Rebe eine Vasenform bilden. So wird das Sonnenlicht kontrolliert und die Belüftung optimiert, wobei die Rebe in unmittelbarer Nähe zum Boden bleibt. Dieses System ist zwar sehr arbeitsintensiv, aber Michele konnte uns eine Reihe von Vorteilen erklären:
Michele Palamá
Zunächst ging er auf die zwei Winde ein, die dort vorherrschend sind: Ein Südwest- und ein Nordostwind. Der Wind aus dem Südwesten ist feucht, bringt viel Salz mit sich und lässt die nächtlichen Temperaturen in der Regel auf über 18 Grad Celsius steigen. Meist weht der Wind aber aus Nordosten. Dieser ist kühl und trocken. Bei Nordostwind sinken die Nachttemperaturen in der Regel auf 12 bis 16 Grad Celsius.
Alberello- bzw. Vasen-Erziehungssystem
Außerdem bestehen die Böden um Cutrofiano aus einer 10 Zentimeter dicken Schicht des berühmten roten Bodens Terra Rossa über kalkhaltigem Untergrund. Die Kalkbasis hält nicht nur eine enorme Menge an Wasser, sondern sorgt auch für einen konstant sehr hohen Wasserspiegel.
Alberello-Reben
Da dieser hohe Wasserspiegel den Boden relativ feucht hält, kann der vorherrschende Nordostwind die Reben noch stärker als sonst kühlen. Und da die Reben durch die hohe Pflanzdichte des Alberello-Systems in Bodennähe gehalten werden und ausreichend Schatten haben, erzeugt der Weinberg sein eigenes Mikroklima. Dies widerspricht eigentlich dem Großteil der Forschung über den relativen Wärmeaustausch bei Vasensystemen und Drahtrahmensystemen mit Kordon. Die Forschung ist in der Regel der Ansicht, dass die näher am Boden liegenden Reben aufgrund der Lichtbrechung mehr Wärme speichern. Das antike Alberello-System entspricht also gar nicht der Intuition, sondern erreicht interessanterweise in diesem Bereich genau das Gegenteil.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Kenntnis der richtigen Lichtmenge, die für eine erfolgreiche Reifung der Trauben erforderlich ist, denn zu viel Schatten beeinträchtigt die Qualität der Beeren. Die Pflege des Laubs ist also beim Schnitt nach dem Alberello-System keine automatische Angelegenheit. Der Weinbauer hat beim Beschneiden nicht nur den maximalen Vorteil für das laufende Jahr im Blick, sondern legt auch die Grundlage für das korrekte Wachstum der Triebe im folgenden Jahr. Das ist nichts für schwache Nerven.
Die Herkunft des Namens Primitivo ist nicht ganz geklärt. Die Namensgebung soll auf Mönche zurückgehen, die den Wein so nannten, weil die Sorte relativ früh im Jahr reift. Bei Palamà erntet Michele den Primitivo normalerweise am 15. August mit einer Abweichung von nicht mehr als zwei Tagen. Die Trauben kommen in der Regel mit einem Mostgewicht von 25 bis 32 Grad in die Kelter.
Bei all dem, was über die globale Erwärmung erzählt wird, wollten wir gern von Michele etwas über die Veränderungen erfahren, die sich über viele Jahre hinweg durch den Klimawandel ergeben haben. In der Vergangenheit, so Michele, gab es kaum Unterschiede bei den Ernten der einzelnen Jahre, außer der seltsamen alle sechs bis sieben Jahre auftretenden Abweichung. Aber seit 2013 war keine Ernte mehr wie die andere. Entweder gab es während der Erntezeit sintflutartige Regenfälle oder akute Trockenheit. Im Jahr 2017 hat es sogar geschneit, in einem anderen Jahr gab es während des Austriebs akute Kälte. So war es in der jüngsten Vergangenheit eine echte Herausforderung, eine Einheitlichkeit bei den Weinen der verschiedenen Jahrgänge zu erreichen. Die Erntetermine haben sich allerdings langfristig und im Durchschnitt gesehen überhaupt nicht verschoben. Gott sei Dank ist eine Einschränkung des Weingenusses kein Thema bei der Bekämpfung des Klimawandels.