Die Welt des Weins (Episode 20)

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Kevin Arnold, der Kellermeister vom
Waterford Estate.

 

 

HARRY STEPHAN

Dezember

Die Welt des Weins. Eine Fortsetzungsgeschichte.

 


The Jem (Episode 20) 

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Weinkeller Waterford Estate

Wir sind bei Kevin Arnold auf dem Waterford Estate. In dieser Folge möchten wir die durch den Klimawandel bedingten Entwicklungstrends in den verschiedenen maritim geprägten Regionen der Welt herausarbeiten. Dabei beginnen wir mit Bordeaux, Napa und Stellenbosch. Außerdem probieren wir The Jem – eine meisterhafte Mischung der auf dem Waterford Estate angebauten Sorten. 

Wie bereits berichtet, hat das Syndicat in Bordeaux für 2019 vorgeschlagen, die Sorten Marselan, Touriga Nacional, Castets und Arinarnoa in die Appellation Bordeaux und Bordeaux Supérieur aufzunehmen. Was sind das für Sorten? Woher kommen sie und warum wurden sie vom Syndicat vorgeschlagen? Während der Vorbereitung einer der letzten Folgen über den Verschnitt italienischer Rebsorten erzählte man uns, dass ein Verschnitt aus Sangiovese, Pinot Noir und Nebbiolo in Italien nicht auf Akzeptanz stoßen würde. Das wäre, als würde man Religionen miteinander vermischen. Gilt das auch für Frankreich? Oder ist es vielleicht möglich, Sorten aus dem Rhônetal mit denen aus Bordeaux zu mischen? Die Antwort ist ein laut tönendes „Ja“, denn eine Auswertung der Liste ergab, dass Marselan eine Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Grenache ist.

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Marselan-Trauben

Marselan wurde 1961 vom französischen Ampelographen Paul Truel am Institut National de las Recherche Agronomique (INRA) entwickelt. Die Rebsorte wurde zur Zulassung für den Handel eingereicht und 1990 in das offizielle Rebsortenregister eingetragen. Marselan bildet vorwiegend große Trauben mit kleinen, mittel- bis spätreifen Beeren. Marselan ist sehr widerstandsfähig gegen Botrytis und Odium und verbindet die Qualität des Cabernet Sauvignon mit der Farbe und Hitzetoleranz des Grenache. So entstehen farbintensive, hocharomatische Weine mit weichen, geschmeidigen Tanninen, die das Potenzial haben, zu altern.  

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Douro-Tal

Der Touriga Nacional stammt aus dem Douro-Tal auf der iberischen Halbinsel, wo die Hitze als „sengend“ beschrieben wird, aus Weinbergen, die sich wie Höhenzüge durch die Landschaft ziehen – manchmal auf Terrassen, die von handgebauten Steinmauern gesäumt sind, manchmal auf sogenannten patamares – Terrassen, die maschinell in die Erde geschlagen wurden. Touriga Nacional wird von vielen als die beste Sorte Portugals angesehen. Feste Tannine verleihen dem Wein Struktur und Körper und verbinden sich mit konzentrierten, intensiven und aromatischen Aromen von schwarzen Früchten. 

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Region Okzitanien

Castets wurde historisch in der Region Aveyron angebaut. Diese Region ist nun Teil der Region Okzitanien, die 2016 nach langen öffentlichen Debatten formell gegründet und umbenannt wurde. Vielleicht kennen Sie das Gebiet noch unter seiner früheren Bezeichnung Lanquedoc-Roussillon – ein Hinweis darauf, dass Castets eine weitere Sorte ist, die warmes Wetter verträgt. Castets, mit guter Resistenz gegen falschen Mehltau, bringt aus kleinen Beeren dunkelfarbige Weine mit niedrigem Säuregehalt hervor. Da es sich um Frankreich handelt, stellt sich natürlich die Frage der Herkunft der Traube. Gerüchten zufolge soll die Rebsorte tatsächlich in den Wäldern der Region Saint-Macaire in der Gironde gefunden worden sein, aber wir wollen dieser Sache nicht weiter nachgehen. 

Arinarnoa ist eine Kreuzung aus Tannat und Cabernet Sauvignon. Die Sorte wurde ebenfalls vom Institut National de las Recherche Agronomique (INRA) im Jahr 1956 entwickelt. Um den Arinarnoa zu verstehen, muss man zunächst den Tannat verstehen – eine Rebsorte, die möglicherweise aus dem Baskenland nach Madiran in der ehemaligen Region Lanquedoc gelangt ist. Tannat ist dort inzwischen die vorherrschende Sorte und wird in der Regel mit Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Fer gekreuzt. Die Sorte ist dickhäutig und bringt farbintensive, schön strukturierte Weine hervor. Mit zunehmender Reife entwickelt der Wein Nuancen von Gewürzen, Kaffee, Kakao und Vanille. Aufgrund der südlichen Abstammung scheint Arinarnoa auch perfekt in die neuen Weinberge der Appellation Bordeaux zu passen und vervollständigt unsere Liste der roten Rebsorten, die in die neuen roten Bordeaux-Mischungen der Zukunft aufgenommen werden könnten. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Syndicat von Bordeaux versucht hat, der zukünftigen Hitze in Bordeaux Rechnung zu tragen, und hat Sorten eingeführt, die den höheren Temperaturen besser standhalten können. Wichtig ist zudem, dass die gewählten Sorten weitgehend resistent gegen Pilzkrankheiten wie Odium oder falscher Mehltau sind. Wegen der tendenziell späten Reifung, besteht kaum Gefahr von Frühfrost oder Hitzeschäden in den Hochsommermonaten. Die Sorten bringen vor allem gut strukturierte, farbintensive und tanninhaltige Weine mit komplexen und anhaltenden Aromen hervor, die sich für eine lange Lagerung eignen. 

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Napa-Tal

Unter den Winzern von Napa macht das Wort „Klimaresilienz“ die Runde. Bei der Bewältigung des Klimawandels war eines der Hauptprobleme von Napa die mangelhafte Führungsqualität der US-Regierung. Während die Brände in den Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington mit zunehmender Intensität wüteten, leugnete US-Präsident Donald Trump dies nach wie vor. Infolgedessen ist der Ruf nach Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels in Napa weitgehend an die Erzeuger selbst ergangen.  

Kalifornien verfügt über eine Vielzahl von Institutionen, die bei Fragen zum Klimawandel herangezogen werden können.

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Doktor Dan Cayan

So wurde beispielsweise von einem Team von Klimawissenschaftlern unter der Leitung von Dr. Dan Cayan am Scripps Institute of Oceanography an der University of California in San Diego eine frühe Studie zum Klimawandel speziell für das Napa-Tal durchgeführt. Diese wurde 2011 veröffentlicht und kam damals zu dem Schluss, dass sich Napa zwar erwärmt hatte, aber nicht so stark wie in den letzten Jahrzehnten erwartet. Die Erwärmung zeigte sich vor allem bei den Nachttemperaturen in den Monaten Januar bis August. Unerwarteterweise waren die durchschnittlichen Tagestemperaturen in Napa aufgrund des zunehmenden maritimen Nebels während der sommerlichen Vegetationsperiode gesunken. Seit der Cayan-Studie hat Napa jedoch eine Verschiebung hin zu extremeren Bedingungen erlebt. Wir wissen, dass der Cabernet Sauvignon bei kühleren Temperaturen eine lange Vegetationsperiode genießt, was zu frischen, eleganten Weinen mit ausgewogenem Alkohol- und Säuregehalt führt. Doch unregelmäßige Klimaereignisse wie Frost, Dürre und extreme Hitzespitzen können zu Schwankungen bei Ertrag und Qualität führen. Im Jahr 2015 kam es nach einem warmen Winter und Frühjahr zu einem frühen Knospenaufbruch und einer frühen Blüte. Ein plötzlicher Kälteeinbruch im Mai hatte dann aber einen ungleichmäßigen Fruchtansatz zur Folge. Diese Veränderungen in Verbindung mit mehreren Dürrejahren führten in ganz Kalifornien zu einem Rückgang der Erträge um 20 bis 50 Prozent. 

 

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Waldbrände in Kalifornien

 

 

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Andy Beckstoffer

Andy Beckstoffer von Beckstoffer Vineyards arbeitet beispielsweise eng mit der University of California in Davis an einem sechsjährigen Versuch mit Cabernet Sauvignon-Wurzeln und Klonen zusammen, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern. Dan Petroski von Larkmead Vineyards hat unter anderem versuchsweise Weinberge mit neuen Sorten bepflanzt, die dem wärmeren Wetter besser standhalten können. Petroski hat den Aglianico in seinen Mix aufgenommen, was die lange Beziehung zwischen Kalifornien und Süditalien durch die Verbindung von Primitivo und Zinfandel betont. Die meisten Erzeuger haben ihre eigene CO2-Bilanz im Blick und suchen intensiv nach Lösungen, wie sie in der Landwirtschaft und in den Kellereien vor Ort die Erwärmung verringern könnten. 

Auf dem Waterford Estate hat Kevin Arnold seine herausragende Mischung kreiert: Von den elf auf Waterford gepflanzten Sorten enthält sie jedes Jahr mindestens sieben bis neun. Unter dem Namen The Jem wurde der Wein erstmals im Jahr 2004 auf den Markt gebracht. 

 

 Die Winzer und Erzeuger in Napa verhalten sich ähnlich wie die in Bordeaux. 

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Der Wein wurde zu 70 % aus den fünf Bordeaux-Sorten und zu 30 % aus Shiraz, Sangiovese, Mourvèdre und Barbera gekeltert. Kevin Arnold erklärte uns, dass mit The Jem ein Wein geschaffen werden sollte, der über einen sortenreinen Bordeaux-Wein hinausgeht. Er war damals nicht davon ausgegangen, in Stellenbosch Bordeaux-Weine herzustellen. Vielmehr glaubte er, dass er einen für Stellenbosch einzigartigen Wein kreieren könnte, der über den tief gefärbten, konzentrierten, kraftvollen, tanninreichen und strukturierten Bordeaux hinausgeht. Er wollte die Bordeaux-Weine auf ein neues Niveau heben und ergänzte das Mundgefühl durch Aromen und Gewürze, die an den „Fynbos“ der Berge erinnerten, in denen die Sorten angebaut werden. Außerdem wünschte er sich für den Wein eine glatte Textur und ein angenehmes Mundgefühl mit einem außergewöhnlich langen Abgang. Wenn er die Kriterien Mundgefühl und Textur sowie Länge des Abgangs erfüllen könnte, wäre das ein Wein von Weltklasse, so Arnold.

Bei seiner ersten Vorstellung bewertete Greg Sherwood, Cape Master of Wine und Fine Wine Buyer bei Hanford Wines in South Kensington, den 2004er Waterford The Jem als Stellenboschs reifste und vollendetste rote Ikone. 

„Bei neueren Jahrgängen“, 
argumentierte er später, 

„erkenne ich, wie sich die Eleganz der Tannine weiterentwickelt, ich spüre die strukturierten Nuancen, die verwobene Säure und die exotische italienische Kräuterwürze, die diesen ikonischen Wein von seinen Konkurrenten abheben.“

Die Anpflanzung von mediterranen Sorten in Waterford zwischen 1998 und 2000 hat sich als eine gute Entscheidung erwiesen. Kevin Arnold hat nicht nur einen ikonischen Wein kreiert, der nun fester Bestandteil der Weinbaugeschichte von Stellenbosch ist, sondern er hatte auch den Weitblick und die Vision (den Fluss des Heraklit, wenn Sie so wollen), die ihn die zukünftige Entwicklung von Weinbau und Önologie in den Weinregionen der Welt voraussehen ließen. 

 

 

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