Jorge Tonietto
Ein Klimaklassifikationssystem mit mehreren Kriterien
(Folge eins)
HARRY STEPHAN
Mai
Die Welt des Weins: Eine Fortsetzungsgeschichte.
Ein Klimaklassifikationssystem mit mehreren Kriterien
(Teil eins) (Episode 9)

In diesem ersten von zwei Teilen machen wir uns zunächst die Arbeit von Jorge Tonietto zunutze, um die entsprechenden Klimata von vier verschiedenen Regionen in Südafrika und Frankreich zu vergleichen.

Frankreich
Grundlage der Arbeit von Tonietto bildeten im Wesentlichen frühere Arbeiten von Amerine, Winkler und Huglin über den Einfluss der Tagestemperaturen auf die Zusammensetzung und die Qualität der Trauben sowie von Singleton, Esau, Kliewer, Torres, Tomana, Fregoni und Pezzutto über die Auswirkungen der Nachttemperaturen auf Aroma, Färbung und die Typizität des Weins. Außerdem zog Tonietto die Erkenntnisse von Conradie, Jackson, Cherry, Galet, Riou, Seguin, Mérouge, Bravo und Hepner hinzu, um herauszufinden, wie sich Wasser während der Reifezeit auf die Trauben auswirkt. Berücksichtigt wird dabei die potenzielle Wasserverfügbarkeit im Boden bezogen auf den Trockenheitsgrad in einer Region. Mit der stupiden Mathematik eines wahren Gelehrten werden schließlich die unzähligen Variablen zu einem einfachen System zusammengefügt, das die einzelnen Anbaugebiete nach drei grundlegenden Säulen klassifiziert. Und letztlich können wir Giovanni Sartori verblüffen und mit dem Vergleich beginnen.
- Die erste Säule ist ein Trockenheitindex. Er entspricht dem Index nach Riou, der Aussagen zum potenziellen Wasserhaushalt des Bodens trifft.
- Die zweite Säule bildet der Wärmeindex, der dem Wärmesummen-Index nach Huglin entspricht.
- Die dritte Säule ist der Nachtkühleindex – Indikator für die nächtlichen Temperaturbedingungen während der Reifung.

Südafrika
Eine Mischung aus allem ergibt dann das Géoviticulture-MCC-System. Die folgenden Tabellen zeigen die verschiedenen Klassen von Weinbauklimata für die drei Indizes und helfen beim Verständnis des Systems.
Der Wärmeindex bestimmt im Wesentlichen die Parameter des Klimas. Nach Columella können die Reben bei sehr hohen und sehr niedrigen Temperaturen einfach nicht ihr volles Potenzial entfalten. Wir müssen also etwas dazwischen finden. Hier bietet der Wärmeindex eine Orientierung für Sorten und deren Eignung für die jeweiligen Temperaturen. Die Tagestemperaturen werden von kühl bis warm eingeteilt. Der Nachtkühleindex fügt sich nahtlos ein. Bei hohen Tagestemperaturen ist ein größerer Unterschied zu den Nachttemperaturen erforderlich, um Komplexität der Weine hervorzubringen, während bei kühleren Tagestemperaturen geringe Varianzen von Vorteil sind. Deshalb eignen sich besser solche Böden, die reich an Gestein sind, das nachts warme Strahlung abgibt. Der Zusammenhang zwischen Klima und Boden wird durch den Trockenheitsindex abgebildet. Wichtig ist hier die Aufnahmekapazität des Bodens im Verhältnis zu den Niederschlägen. Regionen, in denen es in den Sommermonaten reichlich regnet, können gut entwässert werden. Wenn die Niederschläge jedoch nur sporadisch auftreten oder wenn bestimmte Sorten mehr Feuchtigkeit benötigen, muss der Boden mehr Feuchtigkeit speichern können und somit einen höheren Tonanteil aufweisen.
Während unserer Zeit in den Weinbergen des Kaps der Guten Hoffnung reisen wir durch vier verschiedene Regionen, um sie anschließend den jeweiligen Regionen in Frankreich gegenüberzustellen. Auf diese Weise möchten wir herausfinden, ob sich die Terroirs von Frankreich und Südafrika vergleichen lassen oder es gar Entsprechungen gibt.
Beim südafrikanischen Terroir gehen wir generell von einem Wärmeüberschuss aus. Daraus könnten wir schließen, dass es den südafrikanischen Weinen wohl an Eleganz, Raffinesse und komplexer Typizität mangelt. Dieser Mythos hat sich unserer Meinung nach deshalb verbreitet, weil der Vergleich weitgehend auf den Wärmeindex nach Huglin beschränkt war, ohne Berücksichtigung des Trockenheitsindex nach Riou. Wird der Trockenheitsindex hinzugezogen, werden die Klimavergleiche kongruenter. Somit spielen die Bodenarten eine stärkere Rolle. Die erste Übersicht (Abbildung 1) zeigt eine Gegenüberstellung unserer vier südafrikanischen Regionen mit den entsprechenden Regionen in Frankreich.
Unsere erste Region – der Overberg – wird mit den Statistiken von Jorge Tonietto für die Wetterstation Dijon in Burgund in Beziehung gesetzt. Wir stellen sogleich fest, dass die Tagestemperaturindizes gleich sind, wobei der Overberg mit wärmeren Temperaturen in der Nacht etwas trockener ist. Wenn wir unsere zweite Region – Somerset West – mit Bordeaux vergleichen, stellen wir gleiche Tages- und Nachttemperaturen, jedoch mit einem deutlichen Unterschied beim Trockenheitsindex fest. Ein Vergleich unserer dritten Region – Stellenbosch – ebenfalls mit Bordeaux zeigt uns, dass Stellenbosch wärmere Tagestemperaturen hat, die jedoch durch kühlere Nachttemperaturen ausgeglichen werden. Auch hier gibt es eine große Varianz beim Trockenheitsindex mit deutlich weniger Niederschlägen in Stellenbosch. Unsere letzte Region ist das Swartland. Hier stellen wir einen Vergleich mit Montilemar im Rhônetal an. Auch hier gibt es eine Abweichung zwischen den Tagestemperaturen, wobei das Swartland deutlich wärmer ist. Dies wird durch kühlere Nachttemperaturen ausgeglichen. Ein auffälliger Unterschied liegt beim Trockenheitsindex, wobei das Swartland viel trockener ist. In unserer nächsten Folge stellen wir die Ergebnisse aus Abbildung 1 in einem Balkendiagramm dar, um die Tonietto-Indizes für die Regionen in Südafrika und Frankreich besser vergleichbar zu machen.